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BEI_NRW 2.0: Die Pilotphase startet – und die Praxis entwickelt mit

Am 25. Juni wurden die nächsten Schritte für BEI_NRW 2.0 vorgestellt: drei Pilotregionen, ein MVP statt fertigem Produkt und agile Weiterentwicklung im Zwei-Wochen-Rhythmus. Meine Einordnung aus der Praxis der Eingliederungshilfe.

Am 25. Juni wurden im Rahmen einer Informationsveranstaltung die aktuellen Entwicklungen rund um BEI_NRW 2.0 vorgestellt – und für mich war schnell klar: Das Projekt geht in die entscheidende Phase. Nach der konzeptionellen Arbeit soll jetzt erstmals unter realen Bedingungen erprobt werden, wie das neue Verfahren in der Praxis tatsächlich funktioniert. Der für mich wichtigste Unterschied zu bisherigen Verfahren: BEI_NRW 2.0 wird nicht erst fertig entwickelt und dann eingeführt. Die eigentliche Weiterentwicklung soll gemeinsam mit den Anwenderinnen und Anwendern stattfinden. Das klingt unspektakulär, ist aber ein echter Bruch mit dem, was wir aus der Verwaltung gewohnt sind.

Drei Pilotregionen, drei unterschiedliche Realitäten

Nach Angaben des LVR startet die Pilotphase in drei Modellregionen:

  • Wuppertal
  • Bonn
  • Bergischer Kreis Die Auswahl ist bewusst gewählt: Großstadt, ländlicher geprägte Region und unterschiedliche Versorgungsstrukturen. So soll sich zeigen, wie sich das Verfahren unter ganz verschiedenen Ausgangslagen bewährt – nicht nur technisch, sondern im Alltag von Leistungsträgern, Leistungserbringern und Leistungsberechtigten.

Ein Pilot, kein fertiges Produkt

Was mich positiv überrascht hat, war die Offenheit des Projektteams beim Thema Entwicklungsstand. Der digitale Assistent ist derzeit ein Minimum Viable Product (MVP) – also eine bewusst schlanke, aber bereits funktionsfähige erste Version. Statt ein vollständig ausentwickeltes System auszurollen, soll das Produkt mit den späteren Nutzerinnen und Nutzern gemeinsam wachsen. Dieses Vorgehen kenne ich aus der modernen Softwareentwicklung – und genau so baue ich auch Teilhabe.io: Nicht Perfektion zum Start, sondern schnelles Lernen durch echte Nutzung. Dass ein öffentliches Verfahren diesen Weg geht, finde ich bemerkenswert.

Weiterentwicklung im Zwei-Wochen-Rhythmus

Während der Pilotphase soll in regelmäßigen Zyklen gearbeitet werden. Nach aktuellem Stand wertet das Projektteam etwa alle 14 Tage die Rückmeldungen aus den Pilotregionen aus und lässt sie unmittelbar in die Weiterentwicklung einfließen. Damit wird BEI_NRW 2.0 nicht nur getestet, sondern im laufenden Einsatz kontinuierlich verbessert. Für uns Leistungserbringer ist das die Chance, praktische Erfahrungen direkt in die Entwicklung einzubringen – und nicht erst hinterher festzustellen, dass das Verfahren an der Realität vorbeigeht.

Sechs bis zwölf Monate – aber kein starres Enddatum

Für die Pilotierung ist derzeit ein Zeitraum von mindestens sechs und höchstens zwölf Monaten vorgesehen. Auf der Veranstaltung wurde aber auch deutlich gemacht, dass diese Laufzeit nicht in Stein gemeißelt ist: Wenn eine belastbare Evaluation mehr Zeit braucht, kann die Pilotphase verlängert werden. Der Fokus liegt also erkennbar nicht auf einem festen Termin, sondern auf einem tragfähigen Praxisergebnis. Auch das halte ich für die richtige Haltung.

Digitale Unterstützung für unterschiedliche Zielgruppen

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der barrierearmen Nutzung – ein Punkt, der mir besonders am Herzen liegt, weil unsere Zielgruppe alles andere als homogen ist. Der digitale Assistent soll verschiedene Eingabeformen unterstützen: Leistungsberechtigte können ihre Antworten nicht nur eintippen, sondern auch direkt einsprechen. Zusätzlich führt ein interaktiver Assistent Schritt für Schritt durch die Erhebung und hilft bei der Bedienung. Perspektivisch wurde noch ein weiterer Ansatz vorgestellt: Menschen, die keine App nutzen können oder möchten, sollen ihre Angaben künftig auch telefonisch über einen sprachbasierten Assistenten machen können. Das Ziel ist klar – möglichst vielen Menschen einen niedrigschwelligen Zugang zur persönlichen Bedarfsermittlung zu ermöglichen.

Was bedeutet das für Leistungserbringer?

Der aktuelle Stand bestätigt einen Trend, der sich in den bisherigen Projektunterlagen schon abgezeichnet hat: Die Bedarfsermittlung verändert sich grundlegend. Die persönliche Sicht der leistungsberechtigten Person wird künftig unabhängig von der fachlichen Sicht des Leistungserbringers erhoben und erst anschließend zusammengeführt. Digitale Assistenzsysteme sollen diesen Prozess unterstützen und gleichzeitig den administrativen Aufwand reduzieren. Für uns Einrichtungen heißt das vor allem eines: Die Qualität der fachlichen Einschätzung gewinnt weiter an Bedeutung. Gleichzeitig entstehen neue Anforderungen an digitale Arbeitsabläufe und an die Zusammenarbeit zwischen Leistungserbringern und Trägern. Genau an dieser Stelle setzt Teilhabe.io an – als Denk- und Formulierungshilfe für den fachlichen Teil.

Meine Einschätzung

Der für mich spannendste Aspekt der Veranstaltung war weniger die Technik als die gewählte Entwicklungsstrategie. Statt ein vermeintlich fertiges Verfahren „von oben" einzuführen, setzt das Projekt auf kontinuierliche Rückmeldungen aus der Praxis. Ob das gelingt, wird wesentlich davon abhängen, wie ernst das Feedback der Pilotregionen tatsächlich genommen wird. Wenn dieser Ansatz funktioniert, könnte BEI_NRW 2.0 mehr werden als ein neues Bedarfsermittlungsinstrument: ein Verfahren, das sich gemeinsam mit den Menschen entwickelt, die täglich damit arbeiten. Und das wäre, ehrlich gesagt, genau der Weg, den ich mir wünsche.

BEI_NRW 2.0: Pilotphase startet – Teilhabe.io